Naherholung und Artenschutz statt Gewerbegebiet

Petitionen, deren Diskussionsphase abgelaufen ist

Petition

Petent:
Carlowitz
Eingereicht am:
Do 13. Jul 2017, 15:31
Freigegeben am:
Fr 14. Jul 2017, 10:03
Diskussionsdauer:
Die Petition endete am Sa 12. Aug 2017, 10:03
 

Naherholung und Artenschutz statt Gewerbegebiet

Beitragvon Carlowitz » Do 13. Jul 2017, 15:31

Der Stadtrat der Stadt Chemnitz möge beschließen, den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan 15/15 für das "Gewerbegebiet Rabenstein-Ost" Nr. B-204/2015 vom 8.9.2015 in der Gestalt des Änderungsbeschlusses vom 30.5.2017 zurückzunehmen und alle Planungen hierzu einzustellen. Der Flächennutzungsplan der Stadt Chemnitz ist hinsichtlich der betreffenden Flächen abzuändern zugunsten landwirtschaftlich genutzter Flächen oder Grünflächen.

Zur Begründung:

Die Realisierung des Vorhabens führt zu einer Gefährdung eines wichtigen Erholungsgebietes für alle Chemnitzer und Chemnitzerinnen. Es kommt zu einem Verlust an Attraktivität und Lebensqualität für alle Bürger und Bürgerinnen der Stadt.

Der Lebensraum einer Vielzahl geschützter Tierarten, insbesondere seltene Vogelarten sind bei Realisierung des Vorhabens bedroht. Es kommt zu einer Störung vor allem in der Brutzeit durch Lärm und nächtliches Licht.

Das Gewerbegebiet ist auch hinsichtlich der Flächennutzung völlig uneffektiv, da aufgrund der umliegenden Wohnbebauung relativ große Pufferzonen eingerichtet werden müssen im Verhältnis zu den dann nur noch geringen verfügbaren Gewerbeflächen.

Es sind nur sehr eingeschränkte Gewerbearten mit hohen baurechtlichen Auflagen möglich aufgrund Flora, Fauna, Wohnbebauung und damit ist das Vorhaben auch zusätzlich uneffektiv. Bei dieser Betrachtung ergibt sich, dass ein wirtschaftlicher Erfolg des Gewerbegebietes „Rabenstein-Ost“ sehr unwahrscheinlich ist. Das hohe Risiko eines Misserfolges rechtfertigt in keinem Fall die dafür notwendigen schwerwiegenden Eingriffe in die Natur, vor allem, weil diese Eingriffe nicht rückgängig gemacht werden können.

Die Stadt selbst weist darauf hin, dass die unmittelbar angrenzende Wohnbebauung eine Einschränkung darstellt. Dennoch wird der Standort ausdrücklich für Gewerbe mit Belastungen für die Umgebung ausgewiesen. Die bislang von vielen Familien bevorzugte Wohngegenden Rabenstein-Ost würden damit massiv entwertet.

In der Standortanalyse findet der ganze Bereich „Landschaftsbild“, „Freizeitwert“, „Naherholung“, „Tourismus“ nur sehr wenig Berücksichtigung, obwohl das Gebiet rund um den Standort eine überregionale Bedeutung als Freizeit / Naherholungsregion hat.

Im aktuellen Gewerbeflächenreport der Stadt Chemnitz wird darauf hingewiesen, dass sich der planerische Schwerpunkt für zukünftige Gewerbeflächen immer mehr auf die Revitalisierung von Bestandsflächen und der Nachnutzung von Brachen konzentrieren sollte. Das geplante Gewerbegebiet Rabenstein-Ost ist weder eine Bestandsfläche noch eine Brache.

Eine prosperierende Wirtschaftsentwicklung der Stadt Chemnitz ist nur möglich, wenn gut ausgebildete Menschen nicht nur eine berufliche Perspektive in Chemnitz finden, sondern auch eine attraktive und lebenswerte Stadt. Dazu gehört auch eine landschaftlich reizvolle Umgebung für Wanderer und Radfahrer und Spaziergänger. Das Plangebiet gehört hier dazu.

Laut einer Übersicht zum Städtebaulichen Entwicklungskonzept für Chemnitz bis zum Jahr 2020 sind seit dem Jahr 2000 in Chemnitz insgesamt 23 Brachen mithilfe von mehr als 12,6 Millionen Euro an Fördergeld aus dem Landesbrachenprogramm oder von der EU beseitigt und zu Grünflächen umgestaltet oder wiederbelebt worden. Beispiele dafür sind die Messehallen auf dem Gelände der früheren Wanderer-Werke, das Gewerbegebiet im Umfeld des Industriemuseums, die neue Körperbehindertenschule auf dem früheren Kasernengelände an der Heinrich-Schütz-Straße, die Seniorenresidenz in der ehemaligen Bernhardschen Spinnerei in Harthau und das Gewerbegebiet auf der Fläche der alten Union-Bäckerei an der Kalkstraße. Mit der Realisierung des Gewerbegebietes geht man nunmehr den umgekehrten Weg und versiegelt großflächig eine Grünfläche.

Um eine weitere Flächenversiegelung einzuschränken sollten meines Erachtens sämtliche bestehenden Potentiale an Gewerbeflächen in den vorhandenen Gewerbegebieten überprüft werden, bevor ein neues Gewerbegebiet in einer landschaftlich reizvollen Umgebung erschlossen wird.

Meines Erachtens wird mit diesem Vorhaben die Stärkung der Stadt Chemnitz nicht nur als Wirtschaftsstandort, sondern auch als Wohn- und Kulturstandort zu wenig Rechnung getragen. Von den Bewohnern der angrenzenden Wohngebiete sowie von den Bewohnern im weitläufigen Umfeld wird das Plangebiet aktuell für die aktive Naherholung genutzt. Aufgrund der reizvollen Umgebung lädt das Gebiet zum Spazierengehen, joggen, Radfahren und im Winter zum Skilanglauf ein. Die Aufenthaltsqualität wird bereits durch die in ca. 750 m Entfernung verlaufende Bundesautobahn A 72 mit ihrer starken Lärmemission erheblich eingeschränkt und wird durch die geplanten Gewerbeeinheiten weiter eingeschränkt.

Wohnbebauung im unmittelbaren Umfeld von Gewerbestandorten erzeugt im Hinblick auf die Standortsicherheit von Unternehmen erfahrungsgemäß oft erhebliches Konfliktpotential. Die Entwicklung des Gewerbestandortes muss somit im Vorfeld durch Konfliktbewältigung mit der Umgebungsnutzung begleitet werden. Derartige Gebiete sind nur bedingt für die Ansiedlung von größeren Unternehmen geeignet.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es bei dem Planvorhaben zu signifikanten Erhöhungen der Emissionswerte kommt. Es sind erhebliche Auswirkungen auf Menschen, Tiere, Pflanzen und biologische Vielfalt zu erwarten. Die nachteiligen Auswirkungen können meines Erachtens selbst mit den angedachten Maßnahmen nicht ausgeglichen werden. Der Stadtteil Rabenstein gehört zu den wenigen noch verbliebenen landschaftlich reizvollen Umgebungen von Chemnitz. Er ist noch der „Stadtteil im Grünen“ und sollte es auch weiterhin – im Sinne der Wohn- und Lebenskultur aller Anwohner bleiben.

Hans Carl von Carlowitz (1645 – 1714), Oberberghauptmann aus Freiberg (Sachsen), gilt als Begründer des Prinzips der Nachhaltigkeit. Er wurde in Chemnitz-Rabenstein geboren - ein Park und eine Schule in unmittelbarer Nähe zum geplanten Gewerbegebiet erhielten seinen Namen.

Ein Gewerbegebiet auf der grünen Wiese dürfte auch nicht im Sinne von Carlowitz sein.

Im Zusammenhang mit dieser Petition bitte ich neben deren Kenntnisnahme und Diskussion im Stadtrat um Beantwortung nachfolgender zusätzlicher Fragen:

1. Wann wird eine Wirtschaftlichkeitsberechnung zum geplanten Gewerbegebiet erstellt und
wann wird sie öffentlich gemacht?

2. Wie viele konkrete Anfragen nach Gewerbeflächen in Rabenstein-Ost liegen der Stadt Chemnitz derzeit
vor, die von der Grundstücksgröße her nicht anderweitig befriedigt werden können? Aus
welchen Jahren stammen die Anfragen?

3. Auf wie viele Hektar Gewerbefläche belaufen sich die aktuell für die Stadt Chemnitz bestehenden Anfragen insgesamt?

4. Wie viele Arbeitsplätze erwartet die Stadtverwaltung insgesamt im geplanten Gewerbegebiet „Rabenstein-Ost“?

5. In welchem Jahr rechnet die Stadt Chemnitz mit einer Vollbelegung des Gebiets?

6. Mit welchen Gewerbesteuereinnahmen rechnet die Stadt Chemnitz für das geplante Gewerbegebiet (Steueraufkommen/Jahr? Wie viel ab wann/in welchem Jahr? Prognosen, worst case/best
case?)

7. Welche Planungen existieren für die Flurstücke 350/21 und 350/22? Gibt es Nutzungsausschlüsse?
Zuletzt geändert von Carlowitz am Mi 19. Jul 2017, 07:25, insgesamt 7-mal geändert.
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Re: Naherholung und Artenschutz statt Gewerbegebiet

Beitragvon pro_rabenstein » Sa 15. Jul 2017, 12:21

Guten Tag, sehr geehrte Chemnitzer und Rabensteiner,

ich kann mich der vorgebrachten Petition in allen Belangen nur anschließen und habe meine persönlichen Bedenken als betroffener Anlieger (und unmittelbar angrenzender Grundstückseigentümer) auch schon direkt im Anhörungsverfahren des Stadtplanungsamtes vorgebracht.

Es kann doch nicht sein, dass frühere Stadtväter bereits den Grundstein legten - nur um z.B. den geförderten Mitteleinsatz für den langwierig und mit Kompromissen mittlerweile vollzogenen Bau eines BAB-Anschlusses zu rechtfertigen - einen so für die nachhaltige Ausrichtung unserer Stadt wichtigen Natur- und Erholungsraum mit einem in die Wohnumgebung eingebetteten Gewerbegebiet zu erschließen.

Für die Neuansiedlung von Gewerbebetrieben wird es in Zukunft noch viel mehr darauf ankommen, in der Region auf entsprechend ausgebildete motivierte Arbeitskräfte zurückgreifen zu können. Aber bereits jetzt stoßen doch alle Institutionen einschl. des gewerblichen Mittelstands gerade hier, im demographisch überalternden Chemnitz, immer mehr auf ein massives Nachwuchsproblem.

So muss es doch umso mehr oberste Priorität sein, die Bedingungen für junge Familien und Kinder und damit die Attraktivität der Stadt Chemnitz und Umgebung mit nachhaltigen Konzepten für die Zukunft zu verbessern bzw. zu erhöhen. Sich dabei als "Stadt der Moderne"in der Mittelverwendung auf kulturelle Leuchtturmprojekte wie "Kunstmuseen" oder ein tolles, aber für die Leistungsklasse und Wirtschaftskraft unserer Stadt vollkommen überdimensioniertes Fusballstadion zu konzentrieren, wird einer solchen zwingend notwendigen Neuorientierung nicht gerecht.

Sieht man die vielen strukturellen Probleme, die ganz früh in der Kette eines werdenden Bürgers dieser Stadt bestehen bzw. Einfluss nehmen, insbes. in der sozial gerechten Versorgung und Entwicklung von Kindern und junger Menschen

(nur beispielhaft seien hier genannt:
- fehlende Kita-plätze,
- fehlendes bzw. rückläufiges Angebot an Kinderärzten,
- das für eine so reiche Gesellschaft jämmerliche Versagen bei der Schaffung einer gesunden und sozial gerechten einheitlichen Kinderverpflegung in Kitas und Schulen bzw.
- eines einheitlichen und mit der Verkehrsinfrastruktur in Einklang stehenden Schulwesens bzw.
- die mangelnde Förderung des für die Entwicklung junger Menschen gesellschaftlich so wichtigen Vereinswesen bzw. des Breitensports)

aber auch der desolaten und mit Blick auf die Digitalisierung nicht zukunftsorientierte Infrastruktur in den einzelnen Stadtgebieten, dann muss man sich ernsthaft die Frage stellen, wieviel Zeit noch bleibt, bis die politischen Entscheider aufwachen und nachhaltige Konzepte und Maßnahmen festlegen, was wir heute - insbesondere in wirtschaftlich stärkeren Zeiten - für die nächste Generation wirklich auf den Weg bringen sollten.

Dazu gehört sicherlich nicht das in Rabenstein-Ost geplante Gewerbegebiet. Dafür finden sich - auch aus verkehrstechnischer Sicht nicht weniger attraktive - brachliegende Flächen, die nicht so viel Potential für Interessenskonflikte (insbes. der angesprochenen Zerstörung eines Natur- und Erholungsraumes) bieten.

Ich kann daher nur hoffen und alle Chemnitzer und insbesondere die Rabensteiner sowie die ebenfalls tangierten Siegmarer und Reichenbrander auffordern, all ihre Aufmerksamkeit und ihren Widerstand gegen dieses Vorhaben zu richten, so dass die politischen Entscheider sich besinnen, nicht nur im kurzfristig gedachten wirtschaftlichen Interesse zu handeln, sondern vor vielen Jahren wegweisend getroffene Entscheidungen ihrer politischen Vordenker auch einmal vor dem Hintergrund veränderter Rahmen- und Umweltbedingungen in Frage zu stellen bzw. im Sinne eines nachhaltigen Handelns zu revidieren.

Ein solcher Mut und Geist würden meine Frau und mich in der bereits in 2006 vollzogenen Entscheidung bekräftigen, trotz unseres täglichen Arbeitswegs ins Erzgebirge (ANA) bzw. angrenzende Oberzentrum (Z) gerade hier in Chemnitz und konkret in Rabenstein die häuslichen Wurzeln unserer (Mehrgeneration-)Familie eingeschlagen und damit hier den Grundstein für die nächste Generation unserer beiden Söhne (4 und 7 Jahre) gelegt zu haben.

Es grüßt Sie freundlich

...ein seit 1977 in dieser Stadt bzw. seit 2006 in Rabenstein lebender, 42-jähriger Familienvater
pro_rabenstein
 
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